Ein Magnetenleben


Als die ersten Bergleute 1997 entlassen wurden, meinte die Regierung, aus den Abfindungsgeldern ließen sich Kleinunternehmen gründen. Bis heute sind die damals recycelten Arbeiter nicht zu Firmeninhabern geworden, doch sie arbeiten fleißig von früh bis spät – an dem großen Recycling des Schiltals.

Veröffentlicht am 9. Juli 2014  |  

Kurz vor dem Ortsschild von Petrila hält der Kleinbus aus Petroșani an einem Bahnübergang. Täglich fahren hier nur noch zwei Züge, also nehmen die Fußgänger den Bahntunnel, der gleich am Straßenrand anfängt, als Abkürzung. Es ist dunkel, und die Menschen laufen im Gänsemarsch über die Schwellen oder durch den Kohlenstaub, zwischen Schienen und Wand. Die Züge bringen die Steinkohle von den Minen in Petrila und Lonea erst zum Bahnhof in Petroșani, und dann weiter zu den Abnehmern. Jenseits des Hügels, am anderen Ende des Tunnels, wird gearbeitet. Vor der Wende gehörten die Bauten hier dem Bergwerk. Rechts war früher, in den sechziger Jahren, ein Kraftwerk gewesen, von dem heute nur noch ein hoher Schlot und einige Baracken stehen. Das rote Gebäude, in dem die Kessel untergebracht waren, wird noch bewacht. Es scheint allerdings niemand mehr in den letzten Jahren die Anlage betreten zu haben.

Links wartet ein gelangweilter Fahrer am Steuer seines Kippers auf die letzte Ladung des Abends. Die Steine und Betonbrocken müssen zur Müllhalde, das Eisen auf den Recyclinghof. Auch der Inhaber der Abrissfirma wartet in seinem Auto auf den Feierabend. In wenigen Tagen ist Ostern. „Heute sind wir fertig, wir müssen nur noch das Gelände einebnen und aufräumen“, sagt er, nach dem sein Blick den Fortschritt der Arbeiten einschätzt. Hinten, an dem Ort, wo bis vor Kurzem eine Halle stand, häufen sich Backsteine und Putz in Menschenhöhe an, während der Wind Lagerbelege, Rechnungen und Übergabeprotokolle wegweht. Nachdem die Minen die alten Lagerräume für Ersatzteile nicht mehr brauchten, wurden sie von diversen Privatunternehmen übernommen, die ihre Waren hier lagerten oder die Räume weiterverpachteten. Aber auch dieses Geschäft war nicht besonders erfolgreich, die neuen Hausherren sind in die Insolvenz gegangen und ihre Gläubiger versuchen jetzt, die übriggebliebenen Aktiva zu verwerten.

Vorne steht ein gelbliches, vierstöckiges Gebäude, das früher ebenfalls als Lagerraum diente. Aus einem Fenster werfen zwei Jungen mit Kapuzenpullis einen vier Meter langen Metallträger, der mit einem dumpfen Geräusch im Schutt landet. Drei weitere Jungen übernehmen und schmeißen ihn neben die anderen fünf Balken, in den kleinen Anhänger eines gelben Dacia. Aus dem Gebäude dröhnt das monotone Aufschlagen der Hammer auf Beton, und ab und an auf Metall. Durch die Öffnung, die einst der Eingang war, steigen Staubwolken auf, die zwischen den Zähnen knirschen. Drinnen arbeiten 15-20 Menschen. Sie sind Alteisensammler, „Magneten“, wie die Einheimischen sie nennen. Sie kommen früh, um acht oder neun, und bleiben hier bis es dunkel wird und die Recyclinghöfe zumachen.


Die meisten wohnen in den „Kolonien“ in Petrila, oder in Bosnia, einem armen Stadtteil, der seinen Namen vermutlich von dessen ersten Einwohnern bekam. Als das Schiltal noch zu Österreich-Ungarn gehörte, wurden überall im Reich Arbeitskräfte für die ersten Minen angeworben. Unter den neuen Siedlern waren auch Bosnier, die hier untergebracht wurden. Heute sprechen alle Bewohner Rumänisch und man muss tief graben, um die multikulturellen Wurzeln der Einheimischen zu entdecken. Fakt ist, dass die meisten Menschen in Bosnia seit Jahren keine Dauerbeschäftigung mehr hatten. Viele bekommen auch keine Renten, weil sie frühzeitig, in den neunziger Jahren mit den ersten Umstrukturierungen bei der Nationalen Holding der Steinkohle (CNH), aufgehört haben. Damals meinte die konservative Regierung von Victor Ciorbea, die ehemaligen Kumpel könnten aus den Abfindungsgeldern kleine Familienunternehmen gründen. Es kam nicht dazu, weil niemand den frischen Arbeitslosen erklärte, wie man Unternehmer wird.

In Bosnia wirken die meisten Häuser traurig, man sieht ihnen an, dass die Bewohner seit Langem kein Geld mehr fürs Streichen hatten. Bis heute wurde das Viertel nicht an Wasser und Kanalisation angeschlossen, obwohl Tiberiu Iacob Ridzi, der dafür zuständige Bürgermeister von Petroșani, den Menschen immer wieder versprach, das Problem zu lösen. An Recyclinghöfen mangelt es hingegen nicht: Allein in Bosnia und auf dem Weg von der Mine hierher liegen drei oder vier. Alle kaufen Altmetall an, vor allem Eisen und Kupfer, aber auch Plastikbehälter, „Kanister“, wie die Einheimischen sagen. So kommt es, dass der sich andernorts in Rumänien am Stadtrand, in Bächen und auf ehemaligen Industriegeländen aufhäufende Plastikmüll hier im Schiltal nur selten vorkommt. Neben Metall und Plastik sammeln die Menschen auch Kohle, die sie auf dem Weg von den Minen zu den Halden finden. Die Sortierungs- und Transportanlagen sind alt, und die heruntergefallene Kohle kann sackweise in den benachbarten Städten verkauft werden, damit diejenigen, die noch einen Ofen haben oder von der Heizung abgekoppelt wurden, im Winter nicht frieren müssen. Nichts bleibt ungesammelt in Petrila. Diese Aneignung ist eine Rache nicht ohne Ironie: Die Arbeitskräfte, die Rumänien in den neunziger Jahren entsorgte, statt sie zu recyceln, haben sich selber an die Arbeit gemacht und sammeln alles, was im Schiltal noch verwertbar ist.

Die Recyclinghöfe übernehmen die Ware, ohne viele Fragen zu stellen. Letztes Jahr hat die Regierung die Auflagen für solche Unternehmen verschärft, nachdem an mehreren Orten der Zugverkehr immer wieder wegen geklauter Kabel, Einfahrtssignale und anderer Metallteile lahmgelegt worden war. Betreiber von Wertstoffsammelstellen sind jetzt verpflichtet, die persönlichen Daten ihrer Alteisen- und Kupferlieferanten aufzunehmen. Die Behörden argumentieren, dass die Täter auf diese Art und Weise identifiziert werden können, doch niemand kann genau sagen, inwieweit die neuen Bestimmungen in abgelegenen Orten jenseits der Großstäte tatsächlich eingehalten werden. Ob klein oder groß, die Alteisengeschäfte in Rumänien scheuen die Öffentlichkeit. Der Grund liegt nicht nur darin, dass die Herkunft des Materials nicht immer legal ist, sondern vor allem in der seit Jahren belegten Tatsache, dass die ganze Branche massive Steuerhinterziehung betreibt. Doch die Regierung und die Mainstream-Medien zeigen immer wieder mit dem Finger auf die Magneten, das letzte Glied in der Kette.


Das in Rumänien gesammelte Alteisen wird zum größten Teil exportiert. Für jedes angekaufte Kilo zahlen die Recyclinghöfe im Schiltal zwischen 13 und 16 Cent und sie verkaufen das Metall doppelt so teuer an Großhändler. Der Schrott wechselt dann mehrmals die Hände, bevor es in Constanța auf Schiffe geladen wird und bei den Schmelzwerken in der Türkei und in Deutschland ankommt. Das Geschäft ist sehr lukrativ vor allem für den größten Spieler auf diesem Markt, die schwäbische Scholz AG, die in Rumänien 1.000 Menschen beschäftigt und75 Filialen unter den Namen Remat Holding und Remat Invest betreibt. In Siebenbürgen, wo historisch der Industrialisierungsgrad höher war und es deshalb heute nicht an Alteisen mangelt, genießt der Konzern eine faktische Monopolstellung.

Der Inhaber der Abrissfirma, die in der Nähe des Tunnels in Petrila arbeitet, mag die Magneten nicht. Er sagt, man klaue Altmetall, anstatt arbeiten zu gehen. Bisher haben sie ihm seine Beute nicht streitig gemacht und er konnte das Alteisen von den Gebäuden, die er abreißt, selber verwerten. Jetzt wartet er, dass sein Team die Arbeit fertig bekommt. Er will seine Maschinen an einen sicheren Ort bringen, denn „wer weiß, ob wir sie morgen noch hier finden“. Das gelbliche Gebäude nebenan, das die Magneten abreißen, gehörte auch einem insolventen Unternehmen, erzählt der Abrisschef, und der Zwangsverwalter hätte ihm auch diesen Auftrag erteilt, man kenne sich ja. Aber es ist zu spät, nur noch ein paar Tage, und es ist hier nichts mehr übrig. Der Hauptgläubiger des insolventen Unternehmens, die rumänische Sparkasse, hat vor Kurzem eine Vertreterin vor Ort geschickt. Sie musste feststellen, was mit den Werten aus der Insolvenzmasse passiert. Sie und der Abrisschef haben die Polizei gerufen, aber die Beamten erklärten, dass der magere Haushalt der Kommune keine großangelegten Dauereinsätze ermöglicht. Und das Phänomen sei so oder so unbeherrschbar.


Vorne wartet der gelbe Dacia, dass die Jungen mit Kapuzenpullis die letzten Träger für heute Abend herunterwerfen. Drinnen knallen weiter die Hammer. Eine Betonplatte, breit wie ein Zimmer, gibt nach, und ein dumpfes Grollen hallt durch den ganzen Körper nach. Die Menschen ihre Augen und Gesichter mit den Armen bedecken, als das Monstrum ein Stock tiefer zerberstet. Die ersten Staubkörnchen schießen empor und stechen wie Splitter. „Heute früh waren wir hier über 50 Mann, jeder hat sein Team“, sagt Marius Iancu, ein Junge mit roter Regenjacke und kurzer Hose, die oberhalb der Tätowierung auf dem Bein aufhört. Er arbeitet hier, um seine Freundin im Gymnasium zu unterstützen. Mit den Füßen auf zwei Balken, die sich noch halten, schlägt er einen dritten, bis dieser bricht und auf den Schütthaufen landet. Zur Not organisieren die Kollegen eine Säge, doch das Gros der Arbeit wird mit dem Hammer erledigt. Wenn der Balken fällt, klopfen sie den Beton ab, bis das Metallskelett frei liegt. Sie schauen, ob jemand unten ist, und werfen das Teil aus dem Fenster. Helm oder Handschuhe trägt keiner, die sind zu teuer für ein Magnetenleben.

An einer bläulich gestrichenen Wand hängt eine Seite aus dem Kalender mit den orthodoxen Feiertagen des Jahres 1992, der einzige Gegenstand im Gebäude, der dem Recycling entkommen ist. Draußen kommen drei Fünfzehnjährige zum Auto gerannt, mit einem Haufen Draht und Metallteilen in den Armen. Eine Frau, die ein kleines Kind trägt, beschwert sich: Sie grabe und klopfe hier von früh bis spät mit der ganzen Familie, und was dabei rauskommt, reiche knapp für das Essen am nächsten Tag. Wenn er allein arbeitet, kann ein Magnet täglich 20-30 Kilo Alteisen in seiner Karre oder in seinem Sack auf den Recyclinghof bringen. Abends bekommen die Menschen dafür höchstens fünf Euro, die sie in ein aufgeschnittenes Brot und eine Plastikflasche mit zwei Litern Bier investieren. Wenn es gut gelaufen ist, kaufen sie sich auch fünf Scheiben Wurst, die sie bis zum nächsten Gang zum Recyclinghof sorgfältig einteilen.

Besser läuft es, wenn sie mit der Familie oder in größeren Gruppen arbeiten können. Dann können sie sich anders organisieren, zusammen schwerere Metallteile herausreißen, wie die schweren Eisenträger hier, die jeweils 50-60 Kilo wiegen und mit dem Pferdewagen oder Auto abtransportiert werden müssen. „Aber wenn die Menschen Arbeitsplätze mit anständigen Löhnen hätten, würde niemand hier rumklopfen und rumschleppen”, sagt die Frau. „Was mache ich mit den 32 Euro im Monat Arbeitslosengeld? Ich kann davon nicht mal den Strom bezahlen.” Das andere Kind ist zuhause, es ist krank und braucht eine teure Behandlung, „Spritzen aus Amerika: Wenn er sie nicht bekommt, landet er im Rollstuhl.” Sie fährt mit dem Kind jeden Monat mehr als 200 Kilometer in die nächste Uniklinik in Timișoara zur Untersuchung. „Im Krankenhaus bekommt er etwas zum Essen, ich bekomme nichts. Manchmal werde ich schwarz vor Hunger.”

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Einige Meter weiter arbeiten drei Männer mit Spitzhacken in einem Graben. Heute haben sie nichts gefunden. „Wir schuften hier wie die Zuchthäusler”, sagt der Älteste und Gesprächigste der Gruppe. „Siebenmal war ich in Bukarest, auf allen Mineriaden, und es hat trotzdem nichts gebracht. Der Gewerkschaftschef Miron Cozma durfte jahrelang auf dicke Hose machen, und ich grabe hier nach Alteisen seitdem ich bei der Restrukturierung entlassen wurde. Das war 1997.” Er heißt Dorel Ciuci und trägt eine dunkelrote Arbeitshose und eine schwarze Mütze, die seine Halbglatze versteckt. Geboren ist er in Petroșani und aufgewachsen hier, in Petrila. Er hat eine Maurerausbildung, „wie die ganzen Männer in der Familie“, und hat auch sehr früh angefangen, in seinem Beruf zu arbeiten. Lange war er bei der Mine in Uricani angestellt, wo er die Schachtwände befestigte und alte Galerien zumauerte. Nach der betriebsbedingten Kündigung war seine Abfindung schnell weg – ebenso wie seine Frau mit den Kindern.


Seine einzige übriggebliebene Verwandte ist seine Schwester, die Zeitungen in einem Kiosk an der Hauptstraße in Petroșani verkauft und damit 100 Euro im Monat verdient. Seit der Entlassung hat er keine ordentliche Stelle gefunden, für einen Rentenanspruch ist es zu früh. „Aber wenn du mit 54 Arbeit suchst, guckt dich der Patron an und sagt dir – Du bist schon alt, Mann! Oder er stellt dich schwarz ein und nach zwei Monaten fängt er an, dir was vom Pferd zu erzählen, statt dir den Lohn zu zahlen.” Für Ciuci blieb also nur noch die Alternative, sein eigener „Patron“ zu werden und auf eigene Faust Alteisen und Kohle zu sammeln. Ihm fehlte das Geld für Miete und Nebenkosten, so ging auch seine Einzimmerwohnung in Petrila den Bach runter. Seitdem wohnt er in Bosnia, bei einer Frau, die ihn „nach Hause mitnahm“. Dennoch steht er jeden Tag früh auf und geht fleißig seiner Beschäftigung nach, selbst sonntags und an Feiertagen wird gegraben und geklopft.

„Ab und an fahren wir auch nach Tschechien, um auf dem Bau zu arbeiten, aber die verarschen uns auch, genau wie die Rumänen“, erzählt der Mann. Im Schiltal hat er ein einziges Mal eine Stelle für eine längere Zeit gefunden, das war bei einem Sägewerk, wo er ein Jahr lang arbeitete. „Die hatten Überwachungskameras überall, da durften wir keine fünf Minuten Pause machen, weil die uns sonst den Lohn kürzten.“ Aus dem Mindestlohn, den er bekam, konnte er im Winter die Heizungskosten kaum zahlen. Dem gelblichen Gebäude, das die Jungen gerade abreißen, möchte er lieber fernbleiben, denn er hat Angst, dass die tragende Struktur auf die Menschen herunterbricht. Stattdessen sucht er mit den beiden jüngeren Kollegen weiter nach Altmetall in Löchern und Gräben. Letztendlich war es der Staat, der bei den Abrissen den Ton angab, glaubt Ciuci. Es waren nicht die Magneten. Das Aufbereitungswerk von der Mine in Petrila, bei dem früher viele Menschen aus der Gegend arbeiteten, wurde letztes Jahr abgerissen. Der dortige Direktor, Constantin Jujan, hatte versucht, das Gebäude zu retten. Der Plan ist aber an den strengen Auflagen aus Bukarest gescheitert.

„Wenn du auf Kupfer stößt, machst du mehr Geld. Aber auch mit dem Eisen kannst du Glück haben. Vor zwei Jahren habe ich riesige Zahnräder ausgegraben. Da hatte ich über 100 Euro in einer Stunde.“ Das Problem ist, dass bei den Recyclinghöfen die Waagen manipuliert sind, sagt der Mann. Und dass die Polizei die Magneten schikaniert. Obwohl sie die Situation „unbeherrschbar“ nennt, kommt sie ab und an und verteilt Strafzettel, die niemand zahlen kann. Dementsprechend können die Magneten keine Bankkonten mehr eröffnen, weil sie unbezahlte Geldstrafen angesammelt haben.


„Das Zeug wächst nicht wie Kartoffeln nach”

Über die Hügel zwischen der Mine in Petrila und der Halde fährt eine Seilbahn, die das von der Kohle getrennte abtransportiert und einige Kilometer von der Stadt entfernt entsorgt. Die Anlage wird mittlerweile nur noch zweimal in der Woche in Bewegung gesetzt, weil die Produktion immer wieder schrumpfen muss, ehe die Mine nächstes Jahr geschlossen wird. Unter der Seilbahn häufen sich die Steine, die aus den Waggons herunterfallen. Die Menschen aus der Gegend klettern auf die Steinhaufen auf der Suche nach Kohle oder Alteisen. Manche kommen mit improvisierten Metalldetektoren, die sie aus alten magnetischen Maschinenteilen basteln. „1990 ist viele Jahre her, es ist nicht mehr so viel Eisen übrig. Das Zeug wächst nicht nach wie Kartoffeln“, stellt ein älterer Mann fest, der mit einem Detektor unterwegs ist. „Vorgestern hat es einen großen Batzen aufgespürt und so habe ich an einem einzigen Ort, in einem Loch, 400 Kilo gefunden.“ Er heißt Florin, ist 55, und hat jahrelang unter Tage bei der Mine in Lonea gearbeitet.

Er ist jetzt froh, dass er „wenigstens eine Rente“ bekommt, aber mit den 430 Euro im Monat kann er nicht immer über die Runden kommen. Vor allem im Winter, wenn die Nebenkosten hoch sind, bleibt er am Monatsende ohne Geld und geht dann nach Alteisen suchen. Zwei Sommer ging er nach Deutschland, um Gurken zu ernten, aber die Vermittler meinten dann, er sei schon zu alt. Von seinen vier Kindern sind zwei schon verheiratet, einer studiert und der jüngste ist in Deutschland geblieben, nachdem er jeden Sommer ebenfalls Gurken erntete. Jetzt arbeitet er in einem chinesischen Restaurant, mit Vertrag. „Es gibt jede Menge chinesische Restaurants dort“, wundert sich Florin. Sein Sohn verdient 1.000 Euro im Monat, „es ist nicht viel, aber Unterkunft und Verpflegung kommen noch dazu.“


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Einige Tage sind vergangen, Ostern ist gekommen, und gegenüber dem gelblichen Gebäude klopfte Dorel Ciuci an einer Baracke aus Backstein, als sein Glück ihn verließ. Er hatte einen zwölf Meter langen Betonbalken gefunden und versuchte, das Eisen herauszubekommen. Die Frau, bei der er wohnt, hatte ihn beim Verabschieden gefragt, wohin er wohl gehe, es war ja Feiertag. „Unser Essen reicht für heute, was ist denn mit morgen?“, hatte er erwidert. Jetzt freute er sich, dass er mehr Geld nach Hause bringen konnte, so, pünktlich zu Ostern. Knapp einen halben Meter war es noch bis zum Ende des Trägers, als das Betonstück plötzlich nachgab und auf ihn fiel. Sein Arm, seine Rippen und Beine sind steckengeblieben. Er fing an, vor Schmerz zu schreien, „wie ein Verrückter“. Die anderen Magneten, die in der Nähe arbeiteten, sind weggelaufen, aus Angst, dass jemand kommen und Fragen stellen würde. Der Wächter vom roten Gebäude kam, schaute ihn an, und machte wieder kehrt.

Die Frau, bei der er wohnt, hatte ihn beim Verabschieden gefragt, wohin er wohl gehe, es war ja Feiertag. „Unser Essen reicht für heute, was ist denn mit morgen?“, hatte er erwidert.

„Hätte ich dieses Handy nicht dabei gehabt, wäre ich jetzt tot“, erzählt der Mann zwei Wochen später. Noch unter dem Betonbalken hatte er es hinbekommen, die Notrufnummer 112, danach auch die Frau, bei der er wohnt, anzurufen. Fünf oder sechs Jungen aus Bosnia waren schnell mit einem Auto angefahren und hatten ihn herausgezogen, ehe der Krankenwagen kam. Sie brachten ihn ins Krankenhaus in Petroșani, wo er drei Tage später operiert wurde. Er bekam eine Metallstange in den Arm implantiert und eine andere oberhalb des Knies, das andere Bein wurde in Gips gelegt. Die Frau klopfte mit den Jungen das Eisen aus dem Balken frei, fand dort noch ein Kabel aus Kupfer und brachte alles zum Recyclinghof, wo sie für 80 Kilo Metall knapp 11 Euro einkassierte.

Nach der OP, als Ciuci wieder wach war, fragten der Arzt und die Chefkrankenschwester, ob er eine Versicherung hätte. Er antwortete, dass er keine hätte, und auch kein Geld für die Behandlung. Sie sagten ihm, dass er das Krankenhaus verlassen müsse, wenn er nicht zahlen könne. „Wie soll ich jetzt gehen, wenn ich nicht aus dem Bett aufstehen kann?“, fragte er. „Ihr hättet ein Implantat aus Alteisen nehmen sollen, da wäre es billiger gewesen.“ Schließlich gewährten sie ihm einen zweiwöchigen Aufenthalt. Sie sagten ihm, dass er jeden Tag eine Spritze mit einem Medikament gegen Blutgerinnung bekommen müsse, sonst sterbe er. Eine Dosis kostet zwei Euro, und die Kosten der dreimonatigen Behandlung werden nicht vom Krankenhaus übernommen. Seine Schwester kaufte ihm die ersten fünf Dosen.


„Sie werden mich wahrscheinlich verklagen und in den Knast stecken, weil ich den Krankenhausaufenthalt nicht bezahlen kann“, befürchtet der Mann. „Vielleicht ist es auch besser so, denn aus dem Knast kann man nicht rausgeschmissen werden.“ Über dem Bett hängt eine Metallstange, von der sich die Farbe gepellt hat. Ciuci hält sich daran fest, als er seine Geschichte erzählt, und versucht, seinen Oberkörper zu bewegen. Die Ärzte sagen, dass er gute Chancen auf Genesung hat, wenn er eine Weile Physiotherapie macht. Aber Physiotherapie kostet Geld, und der Mann wird lange kein Alteisen mehr sammeln können. „Heute haben sie hier im Krankenhauszimmer noch jemanden untergebracht, sie haben Angst, dass ich mich umbringe.“ Das Essen ist ein bisschen besser als das, woran die Magneten gewöhnt sind. „Heute Mittag bekamen wir Kartoffeln mit Wurst“, sagt Ciuci, und abends habe es sogar Milchreis gegeben. „Wenn du nichts hast, gibst du dich mit jedem Essen zufrieden. Auch wenn du nur Brot isst, da überlebst du schon.“

Anfang Mai besorgte ihm seine Schwester einen Rollstuhl, in dem er schließlich entlassen wurde. Er rollte zur Agentur für Arbeitskräfte und meldete sich offiziell arbeitsunfähig. Das Geld von diesem Amt reicht ihm für 14 Spritzen im Monat. Die Kollegen, die in der Nähe des Tunnels graben und klopfen, bringen ihm ab und an etwas zu essen oder ein paar Lei. Ciuci versucht jetzt, ein ärztliches Attest zu bekommen, aus dem hervorgeht, dass er Krankengymnastik braucht, um wieder arbeiten zu können. Mit dem Papier kann er dann die wenigen Stunden Physiotherapie in Anspruch nehmen, die der rumänische Staat in solchen Fällen zahlt. Um sich wirklich zu erholen, bräuchte er viermal so viele Therapiestunden. In den letzten zwei Monaten kam es zu zwei ähnlichen Unfällen am Ende des Tunnels in Petrila. Aus dem gelblichen Gebäude haben die Magneten, fleißig wie die Ameisen, das ganze Alteisen abtransportiert.


Veröffentlicht am 9. Juli 2014  |  

Das ist die zweite Geschichte aus einer Serie, die wir in zweiwöchentlichem Takt fortsetzen werden.
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