„Wie in der Bronx wird’s hier sein”


Radu Bîrdea freut sich, bald von der Mine in Paroșeni in die Rente gehen zu dürfen. Das Schiltal stehe wohl vor dem erzwungenen Ende seiner Karriere, meint der Elektriker.

Veröffentlicht am 23. Juni 2014  |  

Wenn er von der Arbeit kommt, legt Radu Bîrdea zunächst einen Zwischenstopp vor seinem Wohnblock ein, um mit den Nachbarn ein Bier zu trinken. Der Laden im Erdgeschoss, wo seine Frau als Verkäuferin arbeitet, hat gleich neben dem Aufgang eine kleine Terrasse eröffnet: ein Holztisch mit zwei Bänken unter einer Überdachung. Oft lassen die Kunden einfach anschreiben, so ist es in Aninoasa, jeder kennt jeden. „Diese Wohnblocks hier an der Hauptstraße wurden in den achtziger Jahren gebaut“, erzählt der Mann. Es sind auch die einzigen in der Stadt. Vorher wohnten noch fast alle hier ohne fließendes Wasser und Kanalisation. Wer ein bisschen wohlhabender war, lebte „in den Kolonien“, wie die Einheimischen die schlichten Reihenhäuser aus Holz nennen, in denen die ersten Bergleute untergebracht wurden.

„Von den Kolonien führt der Weg zum Elternhaus,“ sagt Bîrdea. Dort war seine Familie eingezogen, nachdem sein Vater ins Schiltal gekommen war, um als Waggonauflader bei der Mine anzufangen. Nun sind die Alten schon verstorben und keiner wohnt mehr im Elternhaus. In einem kleinen Stall auf dem Hof leben dennoch einige schwarze Wollschweine von der ungarischen Rasse Mangalica, die ab und an gefüttert werden müssen, damit sie bis Weihnachten fett werden. An einer Wand im ehemaligen Kinderzimmer hängt in einem Rahmen ein Bild von dem Schulausflug, auf dem Bîrdea zum Pionier gemacht wurde. „Mann, war ich stolz darauf, ich hab‘ vor Freude geheult!“, gibt er zu, und blickt eine Sekunde in den Spiegel unter dem Bild.

Jetzt ist Bîrdea Elektriker. Kurz vor der Wende hatte er seinen Hochschulabschluss gemacht und wurde gleich zum Wehrdienst eingezogen. Sein Vater riet ihm immer wieder davon ab, selber Bergmann zu werden. „Die Grube soll mit mir abbezahlt werden“, sagte der Alte. „Geh bloß weg von hier, finde was Besseres, und schau nicht hinterher.“ Doch im Schiltal gab es kaum andere Arbeitgeber, und bei der Mine in Aninoasa verdiente man noch gut. Sein Vater war langsam aufgestiegen, erst war er Bergmannhelfer, dann Bergmann geworden, dann hatte er die Meisterschule besucht. Er war 1984 als Sektorchef in die Rente gegangen. Damals war das sehr angesehen.Er bekam 4.600 Lei Pension im Monat, doppelt so viel wie ein Lehrer oder ein Arzt. Also hörte ihm Bîrdea nicht zu und fing als Elektriker bei der gleichen Mine an. Dort arbeitete er mehr als 15 Jahre, bis 2006. Dann machte der einzige bedeutende Arbeitgeber in Aninoasa dicht.

Danach gab es eine Initiative, die ehemalige Grube in ein Museum umzuwandeln. Aber der Bürgermeister erklärte, er habe kein Geld für die Unterhaltung der Einrichtung und könne kein Personal einstellen. Der Schacht wurde „ökologisiert“: Das Material, das noch bei den anderen Minen gebraucht werden konnte, wurde von diesen übernommen, und den Rest schrieb der Betrieb ab. Vieles landete danach als Alteisen auf den Recyclinghöfen. Der frühere Bereich der Abbaumaschinen ist heute eine grüne Wiese. Nur die ehemaligen Mitarbeiter können sich noch an die genaue Topografie der Mine erinnern. Ein Teil des Umkleidegebäudes und einige Wände des alten Appellsaals sind die einzigen Bauelemente, die übrig geblieben sind, wenn auch von Unkraut umgeben. An einer zur Hälfte gefliesten Wand zeigt ein überdimensioniertes, grünliches Basrelief Arbeitsszenen im Stil des sozialistischen Realismus. Kräftige Hände und Arme, grob durchzogen von Sehnen und Blutadern, setzen Maschinen in Bewegung, um „dem Land immer mehr Kohle“ zu geben, wie es damals hieß.

Der Künstler, Eugen Herbei, hat selber als Bergmann in Aninoasa gearbeitet. Jetzt ist er Rentner.

Von Aninoasa ließ sich Bîrdea zu der Mine in Livezeni, unweit der größeren Stadt Petroșani, versetzen. Jetzt musste er pendeln, rund fünf Kilometer hin und fünf zurück. Dem alten Dacia war diese Aufgabe nicht mehr zuzutrauen, und auch die Wohnung, in der alles noch wie in den neunziger Jahren aussah, wollte renoviert werden. „Der Rumäne hat ein starkes Gefühl für das Eigentum, und das ist etwas, das ich auch mag an uns“, sagt der Elektriker. „Und so haben meine Frau und ich 2007 überlegt, uns die Wohnung schöner und gemütlicher zu machen. Wenn man abends von der Arbeit nach Hause kommt, soll man sich dort auch wohlfühlen. Und es soll auch zeitgemäß aussehen, wir sind mittlerweile im 21. Jahrhundert.“ Die Familie hatte noch einige Ersparnisse, aber sie reichten nicht für eine ordentliche Renovierung. Zudem hieß es damals, sehr bald werde Aninoasa endlich ans Gasnetz angeschlossen werden. Die Menschen freuten sich, vor allem weil das Rathaus schon mit der Montage der Leitungen angefangen hatte. „Wir hatten einen Ofen in diesem Zimmer und einen drüben“, erinnert sich Bîrdea. „Man musste zweimal Feuer machen, die Kohle und das Holz rumschleppen, die Asche entsorgen, die Vorhänge jede Woche waschen. Alles ein Chaos.“

So kam es, dass das Paar beschloss, eine neue Heizungsanlage mit Gas zu kaufen, die in die renovierte Wohnung besser passen würde. Dafür brauchte der Elektriker aber einen Kredit, denn die Kosten für das ganze Projekt hätten seine Ersparnisse deutlich überstiegen. Das billigste Darlehen auf dem Markt war in Schweizer Franken, mit einem Zinssatz von 3,25 Prozent, während die Banken für Kredite in rumänischen Lei rund 20 Prozent jährlich verlangten. Bisher hatte die Familie keine Schulden, also beschloss sie, sich 25.000 Schweizer Franken auf 12 Jahre auszuleihen. Bei dem Wechselkurs von 2007 waren es rund 50.000 Lei. „Die Monatsrate betrug damals 570 Lei, und meine Frau verdiente 700 Lei“, erklärt Bîrdea. „Wir haben gerechnet, dass wir aus meinem Gehalt von 2.000 Lei wohl die laufenden Kosten mit dem Haushalt und dem Kind bestreiten können, und aus ihrem Gehalt den Kredit zurückzahlen werden. Es war ja nichts Ungewöhnliches.“

Der Plan wurde umgesetzt. Aus dem Bankdarlehen kaufte sich Bîrdea ein gebrauchtes Auto aus Deutschland, renovierte seine Wohnung, die heute gepflegt und zeitgemäß aussieht, und besorgte sich die Heizungsanlage mit Gas. Doch zwei Jahre später waren die Wohnblocks von Aninoasa immer noch nicht ans Gasnetz angeschlossen. Die Wirtschaftskrise war in Rumänien angekommen und hatte die Landeswährung massiv entwertet. Die Rate für das Darlehen hatte sich dadurch verdoppelt und sank seitdem nie unter 1.000 Lei. Heute liegt sie immer noch extrem hoch, während Bîrdeas Gehalt in den letzten sieben Jahren nur ein einziges Mal erhöht wurde – um fünf Prozent.

„Lange nachdem die Banken Darlehen in Schweizer Franken nach dem Gießkannenprinzip vergeben hatten, habe ich im Fernsehen Mugur Isărescu, den Gouverneur der Nationalbank, gesehen. Der wunderte sich, warum die Rumänen Kredite in exotischen Währungen aufgenommen hätten. Aber wieso hat er denn als Notenbankchef so etwas erlaubt?“, fragt sich der Mann.

Die ärmsten Menschen in Aninoasa wohnen nach wie vor in den „Kolonien“, ohne fließendes Wasser.

2012 wurde die Nationale Holding der Steinkohle umstrukturiert. Die Regierung beschloss, in den folgenden Jahren weitere drei der sieben verbliebenen aktiven Minen aus dem Betrieb zu ziehen. Die Abkommen mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds sehen einen vollständigen Abbau der Subventionen für den Bergbau vor, und die Minen, die der Staat noch unterstützt, müssen „überlebensunfähig“ erklärt und nach einem klaren Zeitplan geschlossen werden. Die Gruben in Petrila, Uricani und Paroșeni wurden dementsprechend der neugegründeten Nationale Gesellschaft für die Schließung der Minen im Schiltal untergeordnet. In der Region glaubt niemand, dass die Auswahl tatsächlich nach wirtschaftlichen Rentabilitätskriterien erfolgte. Die linksliberale Regierung behauptete, sie habe auch die einigermaßen faire Verteilung der sozialen Kosten mitberücksichtigt. Doch die Rechnung scheint nur aus kurzfristiger Perspektive zu stimmen, stellen die Kumpel fest. Sonst sei es nicht zu verstehen, warum die Mine in Paroșeni, die im ganzen Schiltal als die neuste und technologisch modernste gilt, in die Abwicklungsliste aufgenommen wurde, während andere Minen, die viel primitiver arbeiten und deren Steinkohlereserven kleiner sind, ihren Betrieb, zumindest in der Theorie, fortsetzen dürfen.

Bîrdea versteht auch nicht, aus welchem Grund ausgerechnet die Mine in Paroșeni geschlossen werden sollte. Die einzige vernünftige Erklärung sei, , dass die Regierung eigentlich die baldige Abwicklung aller Gruben im Schiltal plant. Doch, weil so etwas aus Angst vor Protesten nicht laut gesagt werden darf, fängt man genau mit den Betrieben an, die die meisten Chancen hätten. Da der Verkaufspreis der Steinkohle einheitlich auf Unternehmensebene bestimmt wird, während die Produktionskosten je nach Technologiegrad der jeweiligen Mine stark variieren, werden die offiziell „überlebensfähigen“ Minen nach der Umstrukturierung immer tiefer in die Krise stürzen und irgendwann „von alleine“ verschwinden. Auch Bîrdeas Chefs teilen seine Sicht der Dinge. Auf jeden Fall fällt die Diagnose des Elektrikers klar aus: Für das Schiltal gibt es keine Zukunft mehr. „Sicherer Tod!“

Die Region gilt seit Jahren nicht mehr als Priorität für die rumänischen Regierungen. Die Infrastruktur befindet sich in einem prekären Zustand, was jeden Versuch, dem Schiltal neue Impulse zu geben, beinahe zum Scheitern verurteilt. „Daran sind auch die Aufstände der Bergleute, die sogenannten Mineriade schuld“, glaubt Bîrdea. In den neunziger Jahren machten sich die Bergmänner („mineri“) mehrmals auf den Weg nach Bukarest, um Reformen und Restrukturierungen zu verhindern. Die Aufstände verliefen mit viel Gewalt und die Bilder von Bergmännern, die Bukarester Studenten und andere Anhänger der damaligen liberalen und antikommunistischen Bewegung zusammenschlagen, machten die Runde in den internationalen Medien.
„Bei den Mineriaden hat man auch viel Scheiße gebaut“, gibt der Mann zu, „also ist das Misstrauen der Bukarester teilweise nachvollziehbar. Doch seitdem sind 25 Jahre vergangen und in der Hauptstadt haben viele noch ein Problem, wenn sie hören, dass einer Bergmann ist.“

Die letzten Aufstände, die 1999 von der Gendarmerie niedergeschlagen wurden, bevor die Kumpel Bukarest erreichen konnten, waren eigentlich gerechtfertigt. „Die Menschen haben ihre Rechte gefordert, und Essen.“ Es habe damals schon kein angemessenes Werkzeug und keine Materialien mehr gegeben, mit denen man arbeiten konnte. „Man sagte uns immer wieder, ihr müsst mit den vorhandenen Beständen klarkommen. Doch wer improvisiert, riskiert. Seit 15 Jahren haben wir jeden Tag mit diesem Mangel zu kämpfen.“

1990 nannte der damalige Premier Petre Roman die rumänische Industrie „ein Haufen Alteisen“. In den Werkstätten der Mine von Paroșeni scheint das nicht weit von der Wahrheit entfernt.

„Als angekündigt wurde, dass die Mine in Paroșeni auf der Abwicklungsliste steht, habe ich mich dorthin versetzen lassen. Man muss zugeben, dass die Arbeit einfacher ist, wenn die Produktion gesenkt werden soll.“ Hinzu komme, dass man in Paroșeni nicht durch enge Galerien auf dem Bauch kriechen müsse, wie in anderen, älteren Minen. Im Oktober wird Bîrdea 45, und weil er von Anfang an unter Tage arbeitete, darf er dann in die Rente gehen. Es tut ihm nicht leid, dass er aufhört. Im Gegenteil. Seine Situation ist besser als die vieler seiner Kumpel, weil er nicht arbeitslos wird – und damit gezwungen, Alteisen zu sammeln oder Heidelbeeren zu pflücken.
Weil das Personal drastisch reduziert und seit Jahren keiner mehr eingestellt wurde, gibt es jetzt nur noch einen Elektriker in der ganzen Schicht, der jeden Defekt unter Zeitdruck beheben muss. „Fehler bei den wichtigen Anlagen und Systemen, zum Beispiel bei der Belüftung, dürfen nicht länger als 20 Minuten andauern.“

In Paroșeni arbeitet er noch einige Monate bei der Abteilung, die die gesamte elektrische Installation der Mine beaufsichtigt.

Ab und an hat er einen freien Moment, wenn gerade nichts repariert oder geprüft werden muss, doch die Arbeit ist nicht so einfach, wie er sagt. Der Strom erreicht den Kommandoraum der elektrischen Installationen mit 6.000 Volt und wird anschließend gemäß einem komplizierten Diagramm zu allen Sektoren und Anlagen unter sowie über Tage verteilt.

Die Steuertafeln und Messgeräte sind rumänischen Baus und stammen aus den sechziger und siebziger Jahren. Mehr schlecht als recht funktionieren sie noch.

Im Kommandoraum der elektrischen Installation liest Bîrdea immer wieder die Werte von den Messgeräten ab.

Drüben in der Elektrikerwerkstatt versucht Bîrdea mit den verfügbaren Mitteln die defekten Teile zu reparieren, wenn das nicht vor Ort unter Tage gemacht werden muss. Die Schicht dauert sechs Stunden, ein warmes Essen wird am Anfang der Schicht angeboten. Danach sind keine weiteren Pausen vorgesehen. Wer also Dienst hat, bringt in der Regel eine Kleinigkeit mit, die selbstverständlich mit den anderen Kumpeln geteilt wird. „Die fragen nicht immer, ob sie davon mitessen dürfen“, stellt der Mann fest und lacht. Beim Essen hört das rumänische Gefühl des Eigentums wieder auf. „Hier, ein bisschen Weißbrot und geräucherter Speck mit Frühlingszwiebeln“, sagt er, als er die Leckereien aus einem Aktenschrank holt und sie auf einer Zeitung aufschneidet. Er spricht langsam, deutlich und geschaukelt, wie es in Siebenbürgen üblich ist.

In einigen Stunden ist endlich Feierabend und es folgt ein langes Wochenende, denn der 1. Mai fällt auf einem Donnerstag, der Freitag ist Brückentag. Bîrdea freut sich, dass er Zeit für seine Familie haben wird. Sein Onkel aus dem Dorf ist zu Besuch gekommen. Es sei gut, wenn er sich ein bisschen entspannen könne. „Jeder Bergmann hat seine Geschichten mit Unfällen, die er nur knapp überlebt hat“, sagt der Elektriker. Auch er habe dem Tod in die Augen geschaut. „Einmal habe ich einen Stromschlag bei 6.000 Volt erhalten, das Kabel hat mich am Handgelenk erwischt.“ Ein Kollege hatte eine Änderung bei der Installation vorgenommen, ohne sie ins Diagramm einzutragen. „Gott sei Dank, habe ich überlebt und alles ist gut ausgegangen. Hätte es schlecht geendet, wäre bestimmt der Tote schuld gewesen. Denn Tote werden mit Erde abgedeckt, und Lebendige mit Papier.“

Auch wenn der Job nicht gerade ein netter Spaziergang ist, beschwert sich Bîrdea kaum. Vielmehr macht er sich Sorgen um die Zukunft. „Ich habe meine Pflicht gegenüber dem Staat erfüllt, jetzt bin ich neugierig, ob er es auch macht. Und ich weiß nicht, wer in zehn Jahren unsere Renten zahlen wird.“ Mittlerweile hat sein Sohn die Schule abgeschlossen, aber er findet keine Stelle – weder in Aninoasa, noch in einer anderen Stadt im Schiltal. Er hat versucht, in Deutschland auf dem Bau zu arbeiten. Aber als er dort ankam, stellte sich heraus, dass der Arbeitgeber viel weniger zahlte als ursprünglich vereinbart. Also lehnte der Junge ab und kam zurück – zum sichtlichen Ärger seines Vaters. Wenn Arbeit gut bezahlt wäre, würde jeder viel mehr arbeiten als jetzt, glaubt Bîrdea. „Die Kinder bemerken die Schwierigkeiten im Haushalt. Sie sehen, dass die Eltern es kaum schaffen, ihrer Familie ein menschenwürdiges Minimum zu gewährleisten, obwohl sie beide arbeiten.“ Und dann sinkt die Motivation der jungen Menschen, weiter eine Arbeit zu suchen. „Die sitzen da und warten, dass Papa ihnen 10 Lei gibt, um mit einem Mädchen ausgehen zu können. Sie sind frustriert, weil sie nichts haben und nichts machen können. Eine Stelle gibt einem eine Sicherheit – die wir in ihrem Alter hatten.“

Nach seiner Pensionierung möchte Bîrdea mindestens sechs Monate „in einem Land arbeiten, wo Arbeit respektiert wird“. In einem solchen Land könne man nach einem Arbeitstag nach Hause gehen und fühlen, dass man nicht umsonst gearbeitet hat, dass man ein Haus und eine Familie unterhalten kann. So etwas ist in Deutschland möglich, glaubt der Elektriker. Mit seiner Qualifikation und Erfahrung könnte er dort entweder in der Industrie bleiben oder Elektroinstallation in Privathaushalten machen. Nur Deutsch spricht er nicht. Aber er geht davon aus, dass das eine interessante Erfahrung sein könnte.

Bei Störungen unter Tage muss er sofort intervenieren. Sonst hat er ein paar Minuten für ein Selfie mit den Gästen aus Bukarest.

„Im Moment ist Deutschland das Herz Europas. Die wurden beinahe von der Erde ausgelöscht und hatten dann die Kraft und den Stolz, zu kämpfen und aufzusteigen. Die sind jetzt mindestens 50 Jahre vor uns“, glaubt Bîrdea. „Auch der letzte, der dort arbeitet, hat etwas. Während wir hier arbeiten, und nichts haben. Deshalb werden die Deutschen respektiert. Und egal was passiert, wird als erste Angela Merkel gefragt. Als es Ärger in Griechenland gab zum Beispiel, oder jetzt mit Putin. Und Băsescu wurde auch von Merkel gerettet, lass uns ehrlich sein“, kommentiert der Elektriker und bezieht sich auf einen der bekanntesten Krisenmomente der jüngsten rumänischen Politik. Nachdem der wirtschaftsliberale Staatspräsident Traian Băsescu 2012 drastische Sparmaßnahmen durchsetzte, versuchte die neue linksliberale Parlamentsmehrheit ihn in einem fragwürdigen Verfahren des Amtes zu entheben. Ungewöhnlich klare Worte aus Berlin und Brüssel haben das Parlament zu einem Rückzieher gezwungen und dafür gesorgt, dass Rumänien weiter einen strikten Sparkurs fährt.

Auch bei uns sei Arbeit früher respektiert gewesen, so Bîrdea. „Wenn man durch die Schilschlucht fährt, sieht man, dass Menschen, die nur sehr primitives Werkzeug hatten, unglaubliche Infrastrukturprojekte umsetzen konnten. Mich fasziniert dieser Gedanke.“ Jetzt wird die in den späten vierziger Jahren gebaute Straße, die quer durch die Karpaten führt, wieder repariert. Aber die Arbeiten schreiten nur mühsam voran. Das geplante Budget reicht eigentlich nicht für eine ordentliche Instandsetzung.

Und die Wohnblocks in Aninoasa wurden immer noch nicht ans Gasnetz angeschlossen. Der ehemalige Bürgermeister Ilie Botgros, der 2007 versprochen hatte, dass alles in ein paar Monaten fertig sein sollte, verlor die Kommunalwahlen 2012. Sein Nachfolger Nicolae Duncă stellte dann die Arbeiten wieder ein – wegen des Verdachts, dass sein Vorgänger Verbindungen mit der beauftragten Firma hatte. Kurz darauf wurde Aninoasa zur ersten insolventen Stadt in der Geschichte Rumäniens. Auf jeden Fall kann Radu Bîrdea die neue Gasheizungsanlage, die er aus dem Bankdarlehen in Schweizer Franken gekauft hatte, nicht benutzen. Als Elektriker hat er überlegt, ob er Teile der Anlage vielleicht auf Strom umstellen könnte. Nach mehreren Anläufen sind die Ergebnisse jetzt akzeptabel: Die Wohnung blieb im Winter warm, wiewohl der Strom natürlich teuer ist.

„Wie kann Aninoasa eine Stadt sein, wenn es keine Infrastruktur anbietet“, fragt sich Bîrdea. „Wir zahlen für unsere Wohnungen die gleichen Steuern wie in Bukarest, obwohl man für den Preis einer Wohnung hier die Türklinke in Bukarest kaufen kann. Und eine Wohnung in Bukarest kostet so viel wie ein ganzer Wohnblock hier.“ Er übertreibt ein bisschen, aber es stimmt, dass man viel Glück braucht, um Mieter oder Käufer für eine Wohnung im Schiltal zu finden. Deshalb können die Bewohner ihre Region auch nicht so einfach verlassen. Weil die Löhne für die meisten Berufe überall in Rumänien immer noch niedrig sind, reicht das Geld in der Regel nur für Nebenkosten und Essen. Eine Miete obendrauf ist nicht vorgesehen und muss meistens auch nicht bezahlt werden, denn 95 Prozent der Rumänen wohnen in Eigentumswohnungen, die sie in den achtziger und neunziger Jahren günstig vom Staat erworben hatten. Doch im Schiltal ist das nicht unbedingt ein Vorteil. Eigentümer von Wohnungen, die in benachteiligten Regionen liegen, bleiben in ihren eigenen vier Wänden gefangen und können nicht wegziehen, weil sie keine Mieter finden.

„Es gibt in Aninoasa nur noch 300 bis 400 Menschen, die eine Arbeit haben, und rund 1.000 Rentner“, stellt Bîrdea fest. „Wenn diese Generationen verschwinden, was passiert dann? Wir werden uns nicht mehr aus dem Haus trauen, aus Angst, dass die Nachbarn uns überfallen. Wenn man nackt ist, geht man in den Wald, aber wenn man Hunger hat, kommt man wieder heraus. Wie in der Bronx wird’s hier sein.“

Bei den Großeltern in Roșia Montană

Ursprünglich kommen Bîrdeas Eltern aus Roșia Montană, jenem siebenbürgischen Dorf, wo der kanadische Konzern Gabriel Resources seit über zehn Jahren versucht, trotz zahlreicher Proteste ein hochumstrittenes Goldbergbauprojekt durchzusetzen. Bîrdeas Vater ist in diesem Dorf geboren und in den fünfziger Jahren ins Schiltal gekommen, weil es dort auf dem Land damals wie heute keine Arbeitsplätze gab. „Meine Großeltern sind dort geboren, aufgewachsen und gestorben – ohne Strom, man hatte nur Gaslampen“, erzählt der Mann. Ob das einer der Gründe für seine Berufswahl sein könnte? Später, als Bîrdea und sein Bruder im Schulalter waren, schickten ihre Eltern sie in den Schulferien nach Roșia Montană, zu den Großeltern, damit es in der Wohnung ein bisschen ruhiger wurde. „Kaum kam der 15. Juni, und schon setzten sie uns in den Zug und holten uns am 10. September, kurz vor dem Schulstart, wieder zurück. Den ganzen Sommer lang mussten wir auf die Kühe aufpassen oder das Heu mähen.“

Nun hoffen die Menschen in Roșia Montană, dass sie Arbeitsplätze und ein sicheres Einkommen haben werden, wenn das Goldprojekt grünes Licht aus Bukarest bekommt, stellt der Elektriker fest. „Aber wie viele Menschen werden dort tatsächlich arbeiten und wie lange?“, fragt er. „Soll man froh sein, dass man fünf Jahre arbeiten darf? Und in diesen fünf Jahren hat man ein 2000 Jahre altes Erbe zerstört.“ Der geplante Intensivabbau unter Einsatz von Zyanid würde nicht nur die Umwelt gefährden und die malerische Berglandschaft vernichten, glaubt Bîrdea. Die komplette Ausschöpfung der Goldreserven sei auch unverantwortlich und egoistisch. „Wir sind noch schlechter als die Römer oder die Österreicher, die dort das Gold immerhin mit Maß abgebaut haben.“ Das Projekt könnte umgesetzt werden, aber nur unter ganz anderen Konditionen und nicht mit Förderabgaben, die „niedriger sind als in Tansania.“

Die tansanische Förderabgabe für Gold liegt bei vier Prozent des Umsatzes. In Rumänien waren es ebenfalls vier Prozent, bevor die sozialdemokratische Regierung 2013 den Satz auf sechs Prozent erhöhte.

Veröffentlicht am 23. Juni 2014  |  

Das ist die erste Geschichte aus einer Serie, die wir in zweiwöchentlichem Takt fortsetzen werden.
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